• Stefanie Burr

Die Steppe muss warten.

Vor rund zweihundert Jahren wanderten meine Vorfahren aus Herrlisheim im Elsass nach Krasna, Bessarabien aus. Das liegt heute in der Ukraine. Sie flohen vor Napoleons Truppen, die ihre Heimat verwüsteten, vor Armut und Repressalien gegen Deutsche in Elsass-Lothringen. Sie wollten frei sein und in Frieden leben.


Nachdem sie die Steppe Bessarabiens urbar gemacht hatten, nachdem sie zu Wohlstand gekommen waren und der Landstrich zwischen Dnjepr, Pruth und Schwarzem Meer ihre geliebte Heimat geworden war, zwang Hitler sie 1940 „Heim ins Reich“. Meine Mutter wurde hier geboren. Meine Großmutter aus Bessarabien starb, bevor ich zur Welt kam. Sie hatte eine kranke Leber. Nicht vom Alkohol. Vielleicht, weil ihr tausend Läuse darüber gelaufen sind. Jeden Tag. Hier als Geflüchtete unter hartherzigen, alt eingesessenen Mecklenburgern, die ihr als milde Gabe abgenagte Knochen vor die Tür warfen.


Bis heute weiß kaum jemand etwas über die Bessarbiendeutschen. Fast niemand mehr, der dort geboren wurde, ist noch am Leben. Außer vielleicht meine Tante Klara. Aber die war bei der Umsiedlung zwei Jahre alt und kann sich an nichts mehr erinnern.


All das scheint so weit weg. Aber das ist es nicht. Und ob ihr mir glaubt oder nicht: Diese Steppe, dieses Bessarabien, die Tränen meiner Großmutter sind immer noch in mir. Darum plante ich seit längerer Zeit dort hinzufahren, auf Spurensuche.

Erst musste ich dafür sparen, dann kam Corona. Jetzt, so scheint es, wir es für lange Zeit nichts mehr. Ich bin traurig, mich nicht früher auf den Weg gemacht zu haben. Es gibt so viele Fragen! Es gibt so viel, um nachzuspüren….

Foto: Steffi Fischer www.sichtbarsein.com


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